Eine Fahrt in die Vergangenheit (Dienstag 2. August)
Um 8.45 waren wir im Bus versammelt zur Fahrt in die Gottschee. Über die Autobahn Richtung Laibach/Ljubljana fuhren wir eine Stunde bis Grosuplje, um dann noch bis 11.00 Uhr auf der Landstraße aufwärts nach Kocevje/Gottschee zu fahren. Die Eisenbahnlinie hinauf ins Gebirge folgte der Straße. An weiten Almwiesen mit Dolinenkratern und vielen kleinen hübschen Dörfern, in Wäldern gelegen, fahren wir vorbei. Holzwirtschaft scheint die einzige Erwerbsquelle hier zu sein. Als wir endlich den Schweinsrücken, den letzten Pass, überwunden hatten, lag das Gottscheeber Land hinter vielen Hügeln und Wäldern vor uns.
Pünktlich trafen wir auf dem Hauptplatz in Kocevje/Gottschee ein, wo
uns Herr Ernest Zamiba als Reiseführer des heutigen Tages empfing. Herr
Zamiba spricht perfekt deutsch und ist ein deutscher Gottscheer- Gottscheebener.
Von Beruf ist er Schlosser und Busfahrer, der sich mit großem Engagement
der Geschichte und Heimatkunde seiner Heimat hingibt.
Der Hauptplatz war einst (von 1491 bis1945) vom Schloss der Herren von Auersperg
dominiert. Heute steht ein Partisanen-Denkmal und das scheußliches Kaufhaus
MAMA an der Stelle. Trotzdem ist die neugotische katholische Kirche noch oder
wieder Mittelpunkt des Ortes. Der junge Pfarrer, Herr Anton, führt uns
in seine große, lichte Kirche, in der wir mit Staunen die vielen deutschen
Inschriften aus der deutschen Zeit vor 1942 finden. Sie wurde 1898 von Friedrich
Schmidt errichtet, der auch das Wiener Rathaus erbaut hatte. Mit Trauer erzählt
er uns von den Veränderungen in der kommunistischen Tito-Zeit, aber auch
von kriegerischen Handlungen der Italiener, der Deutschen, der Engländer,
der serbischen Partisanen in der Jahren 1942-1945. Heute wird die Kirche von
den Gottscheern in aller Welt erhalten, wie eine Gedenkkerze zum 600jährigen
Jubiläum der Besiedlung dokumentierte. Die letzten Siedler vor der großen
Pest im 15.Jahrhundert kamen aus Innichen in Südtirol. Die deutsche Gemeinde
umfasste bis 1942 12.ooo Gläubige, heute sind es noch 360 in der weiteren
Umgebung. In Kocevje leben heute etwa 10% Orthodoxe Christen, 10% Muslims
und 80% Römisch-katholische Christen.
In gemeinsamer Runde beteten wir das Vater unser, mit der Bitte um Frieden
und Aussöhnung zwischen den Völkern.
An dem nächsten Ort unseres Besuches - dem Gottscheebener Museum - wurde
uns die verzweifelte Kulturerbe der Gottscheer Deutschen verdeutlicht. Nach
der ersten Phase der Unterdrückung seit dem Friedensvertrag von St.Germain1919
begann mit dem Vertrag vom 25.3.1941, in dem das Königreich Jugoslawien
dem Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan beitreten
musste, die zweite Phase des Unglücks. Durch einen von England lancierten
Putsch serbischer Offiziere wurde die neue jugoslawische Regierung gestürzt,
und die deutsche Wehrmacht marschierte ein, um den jugoslawischen Staat zu
zerstören. Das Mießtal, das Gebiet um den Markt Unterdrauburg wurde
dem Reichsgau Kärnten eingegliedert. Angegliedert Geschichte der deutschen
Volksgruppe im Gottscheebener Land in der Ausstellung Gottschee: Das verlorene
dagegen (- das heißt, es wurde in diesem Gebiet die deutsche Zivilverwaltung
eingeführt, dieses Gebiet jedoch nicht dem Deutschen Reich eingegliedert-)
wurden die Untersteiermark und ein schmaler Streifen der Unterkrain. Deutsche
wie Slowenen feierten die Eingliederung in der Hoffnung, der serbischen Unterdrückung
zu entfliehen und altösterreichische Verhältnisse wiederzuerlangen.
Jedoch trog die Hoffnung, da die Nazi-Regierung sofort mit selbstherrlichen
Eindeutschungsmaßnahmen begann. Auch wurden aus dem nun südöstlichsten
Zipfel des Deutschen Reiches, einem Gebiet südlich der Sawe, dem Ranner
Dreieck, Slowenen umgesiedelt, um Platz zu machen für die Gottscheer
Bauern und die Laibacher deutsche Bevölkerung, deren Gebiet nach dem
Vertrag von April 1941 dem Italienischen Staat zugefallen ist.
Im Winter 1941/42 optierten (unter Zwang) 12.100 Gottscheer für die Umsiedlung.
Die Alternative wäre die Deportation nach Süditalien oder nach Abessinien
gewesen. Nach dem Krieg 1945 wurden die Gottscheer auch aus diesem Gebiet
von den Kommunisten vertrieben und mussten sehen, ob sie in Österreich
eine Aufnahme finden, die ihnen nur mit großem Widerwillen von der österreichischen
Bevölkerung gewährt wurde. Lange mussten sie in österreichischen
Barackenlagern leben. Viele wanderten dann nach Cleveland, Toronto, New York
und in andere amerikanische Städte aus, in die bereits 1889 notleidende
Gottscheer ausgewandert sind.
600 Jahre Siedlungs- und Kultivierungsarbeit der Deutschen war damit beendet.
117 Siedlungen wurden zerstört. Von 123 Kirchen sind 95 zerstört
worden. Nur 28 stehen noch heute. Verschwunden sind auch die Friedhöfe,
Bildstöcke und Kapellen.
Die nun entleerten einsamen Gottscheer Walddörfer waren die idealen Sammelgebiete
für die Partisanenbewegung Titos. Die von der Deutschen Wehrmacht besetzten
Gebiete wurden heftig von der Englischen Luftwaffe bombardiert, die selbst
auch Stützpunkte in den Gottscheer Wäldern einrichtete. Nach der
Kapitulation der Italiener 1943 fiel die Gottschee den Tito-Partisanen in
die Hände, die bis 1949 die restlichen deutschen Frauen, Kinder und Greise,
aber auch slowenische Weißgardisten (Domobranzen, die den Italienern
und den Deutschen im Abwehrkampf gegen die Kommunisten helfen sollten), kroatische
und deutsche Soldaten auf Bretter über die tiefen Dolinen stellten und
sie erschoss. Es waren etwa 40.000 Opfer zu beklagen, die unbeerdigt in diesen
Dolinenschächten noch heute liegen. Erst seit 1989 durfte man das von
den Kommunisten als Sperrgebiet deklarierte Gebiet betreten.
Das Leid, das Deutsche wie Slowenen dieses Gebietes durch die "weisen"
Verhandlungsergebnisse weniger verwirrter Politiker ertragen mussten, zeigte
die Ausstellung in diesem Museum überdeutlich. Die Ausstellung ist ein
Ergebnis der Forschungsarbeit von Mitja Ferenc, einem offiziellen Mitarbeiter
der Slowenischen Regierung, die sich um den Erhalt der Gottscheer Kultur bemüht.
Das Mittagessen nahmen wir in einem netten Landgasthof Tuek in Gornje
Loine ein. In einem kleinen Zoo konnten wir Bären bewundern, die
noch heute in den Gottscheebener Wäldern zu Hause sind.
Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel, dem Kulturhaus der Gottscheebener
halten wir an einem Gedenkkreuz in dem ehemaligen Dorf Altlog/Stare log, von
dem außer dem Rest des Friedhofes nichts mehr existiert. Zum Gedenken
an 100 Kriegstote an dieser Stelle wurde eine Gedenktafel mit der Inschrift
"Allen Toten des Gottscheer Landes, die in der Heimat ruhen oder woanders
den ewigen Frieden gefunden haben" angebracht.
Um 16.45 Uhr haben wir nun das Kulturhaus der Gottscheer erreicht, das sie
1998 in dem Gebiet errichtet haben, wo noch in einigen umliegenden Dörfern
Gottscheer wohnen. 13 junge Mädchen und Jungen begrüßen uns
mit Gottscheeber Liedern, deren deutsche Texte wir nicht verstehen. Das Marienlied,
das sie uns vorsangen, hat viel Ähnlichkeit mit Liedern in Südtirol.
Mit Kaffee und Kuchen- die Gottscheer Bobolicen und Klapflern- wurden wir
gestärkt. Auch der Vorsitzende des Gottscheer Kulturvereins, Herr Ingenieur
Grill ist eingetroffen, um uns zu begrüßen.
Eine umfangreiche Ausstellung mit den Modellen der ehemaligen, seit 1945 abgerissenen
Gottscheer Kirchen konnten wir bewundern. Das Museum wurde durch den Landeshauptmann
Dr. Jörg Haider finanziell gefördert, der auch persönlich zu
Besuch kam. Es fällt den Menschen in der fremdsprachigen Umgebung schwer,
ihre deutsche Sprache noch zu erhalten, zumal bis 1990 die deutsche Sprache
teils verboten oder nur unzureichend gefördert worden ist. Jetzt erteilt
jeden Montag ein Österreichischer Lehrer Deutschunterreicht für
Jung und Alt im Kulturhaus.
Der 78jährige Herr Heinrich Dralka erwartete uns auch schon dort, denn
mit ihm wollen wir in sein unwegsam gelegenes Geburtsdorf hoch oben im Wald
fahren.
In einem großen Kreis nehmen wir singend Abschied von dem Grüppchen
Gottscheern, die uns so freundlich empfangen haben und die hoffen, Verbindungen
zu ihren deutschen und österreichischen Sprachverwandten aufrecht erhalten
zu können.
Nun wagten wir uns mit unserem 14m langen dreiachsigen Bus auf Holzabfuhrwegen
in den Hornwald in das ehemalige Dorf Steinberg. Herr Heinrich Dralka und
Herr Grill geleiten uns auf dem Weg hinauf ins Gebirge, den unser Fahrer Karl-Heinz
nur mit Skepsis betrachtet. Aber seine Fähigkeit bewältigt diesen
schwierigen Aufstieg. Am Ende der unendlichen Wälder kommen wir zu einem
Haus, das das einzige eines ganzen Dorfes ist. Herr Dralka erzählte uns
aus seinem Leben, das er da oben begonnen hatte. Als 1942/43 alle Gottscheebener
die Gegend verlassen mussten, hat sich seine Familie in den Wäldern versteckt,
um nicht die Heimat verlassen zu müssen. Zwei Monate lebten sie in den
Wäldern nahezu ohne Nahrung. Als sie sich dann endlich aus den Wäldern
wieder in ihre Heimat getraut hatten, waren alle 68 Häuser mit 14 Bauernhöfen
außer der Kirche von den Italienern und den Partisanen abgerissen. Ihre
Heimat war verloren. In dieser Gegend hatte Graf Auersperg das größte
Sägewerk in den Jahren nach 1900 errichten lassen. Eine Dampfmaschine
betrieb die Sägen. Bis 3oo Holzfuhrwerke kamen wöchentlich und brachten
das Holz zur Säge oder transportierten es ins Tal. 1872 war in dem Gebiet
nur noch 72% Wald. Innerhalb der letzten 60 Jahre ist das Rodungsgebiet wieder
zugewachsen.
Das große Haus, in dem wir Aufnahme fanden, ist keines des alten Dorfes.
Deutsche Kriegsgefangenen mussten es nach 1945 errichten, das sie aber mit
großer handwerklicher Kunst gebaut haben. Heute ist es das Zentrum für
die Imker, die in den Mischwäldern eine gute Honigernte erzielen. Eine
bestimmte Reinzucht-Biene dieser Gegend ist sehr bekannt und auch begehrt
bei Imkern. Der zum Kauf angebotene Honig war schnell von unseren Gruppenmitgliedern
aufgekauft.
Auch hier wurden wir wieder reichlich mit Essen und Trinken versorgt. Ein
köstliches Gulasch mit Geselchtem stillte unseren Hunger. Nach vielen
Gesprächen machten wir uns um 20.15 Uhr wieder auf den schwierigen Heimweg
durch die Wälder. Es gelang alles reibungslos. Gegen 23.00 erreichten
wir das Ziel St. Josef in Cilli und fielen müde nach dem beeindrückenden
Gottschee-Tag in die Betten
Jost-Ernst Köhler, Fulda